Hinter jeder Lüge steckt eine Wahrheit

Meine Nachbarn zerbrechen sich ständig meinen Kopf und sind der Meinung, mehr über mich zu wissen als ich selbst. Ich bin Künstlerin, habe den ganzen Tag über das Faltstore in meinem Atelier unten und gebe reichlich Zündstoff. Als Künstlerin bin ich natürlich nicht nur in meiner Arbeit, sondern auch in meinem Outfit sehr kreativ und individuell. Als ich neulich hörte das mich meine Nachbarn für ein licht- und arbeitsscheues Individuum halten, welches auf Kosten der Steuerzahler und meiner häufig wechselnden Männerbekanntschaften lebt, wäre mir bald der Kragen geplatzt. Die häufig wechselnden Männerbekanntschaften sind Kunden, denen Konterfei ich in Holz schlage oder auf Leinwand banne. Mein Geld verdiene ich mit der Kunst und kann mir nicht vorstellen, dass der Steuerzahler mir mein Eigenheim spendiert hätte.

Doch warum sollte ich meine Nachbarn aufklären und für Langeweile in ihrem Leben sorgen? Hätten sie mich je gefragt womit ich mein Geld verdiene oder wie ich lebe, hätte ich ihnen meine farbenfrohe Welt gerne gezeigt und sie an meiner Lebensfreude teilhaben lassen. So stehe ich hinter meinen geschlossenen Faltstores und blicke hinaus in den Garten, hinter dessen Zaun meine Nachbarin schon wieder steht und neugierig in meine Richtung blickt. Sie sieht mich nicht, da das Faltstore ihr die Sicht nimmt und ich kann schmunzeln wenn ich sie beobachte und spüre, wie sie vor Neugier bald platzt. Im Moment warte ich wirklich auf einen Mann, der ausnahmsweise nicht mein Kunde ist und mich wirklich besuchen möchte.

Von Männern in meinem Haus habe ich die Nase voll und bin froh, dass die Faltstores keine Geschichten erzählen können. Mein Ehemann hat mich hinter geschlossenem Faltenstore betrogen und als ich es herausfand, noch alles abgestritten. Der Mann auf den ich warte ist mein Bruder, der seit langem Mal wieder in der Stadt ist und bei mir eine Woche Urlaub verbringen möchte. Da wird die Nachbarin aber schauen und gleich eine neue Geschichte erfinden. Ich freue mich schon wenn ich mit meinem Bruder gemütlich bei einem guten Wein im Garten sitze und alte Geschichten aufwärme. Vielleicht lade ich ja meine Nachbarin tatsächlich ein.

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